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1. Juni 2011

Internationaler Tag des Kindes

Während ich das Geschenk für mein Kind einpacke, das heute Geburtstag hat und neunzehn Jahre alt wird, erinnere ich mich an vergangene Zeiten. In der DDR wurde der Internationale Tag für die Rechte des Kindes ganz groß gefeiert: Der Staatsratsvorsitzende gratulierte den glücklichen Kindern. Die glücklichen Kinder besuchten die weniger glücklichen Kinder im Kinderheim „Makarenko“. Wir im Glück lebenden Kinder schrieben Kartengrüße nach Vietnam, denn dort lebten Kinder jenseits von Glück und Unglück.

Vor den gänzlich unmusikalischen Klassenkameraden musste ich auf der Geige das Lied von der kleinen weißen Friedenstaube quietschen und alle klatschten anschließend. Meine Klassenlehrerin Frau Lienus wenigstens schien glücklich. Meist gab es kleine Geschenke für die vom real existierenden Sozialismus verwöhnten Kinder und das „Theater der jungen Welt“ spielte bei freiem Eintritt eine Vorstellung nach der anderen.


Der Kindertag am 1. Juni war kein gesamtdeutscher Feiertag und meine Cousine in Düsseldorf hätte wohl gern auch so einen gehabt, aber ihr Vater und mein Vater, welche ja Brüder waren, auch wenn der eine in Düsseldorf, der andere in ‚Leipzsch‘ wohnte, die waren sich einig. Solche kommunistischen Kampftage würden nur die Seele der DDR-Kinder verderben. Das sagte aber nur der aus Düsseldorf laut. Der musste ja nicht bei den verdorbenen Seelen leben.

Ich weiß nicht, wann es gewesen ist - irgendwann habe ich den Kindertag am 1. Juni vergessen und später war ich froh, dass meine Kinder in der Schule nicht mehr beweisen mussten, wie glücklich die Kinder im sozialistischen Vaterland leben.


Irgendwie haftete dem 1. Juni in der DDR etwas zwanghaftes an, etwas von Kampftag und Propaganda. Schade. Denn auch Bibel und Kirche scheinen da nur wenig alternatives anzubieten. – Nein, ich meine jetzt nicht die christlichen Kinderheime, in denen systematisch bestraft und geprügelt wurde. Ich denke eher an süßsämige Worte wie dieses Jesus-Zitat: „Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn ihrer ist das Reich Gottes!“ Ein schönes Zitat, aber von Appellen und Predigten ist die Welt bisher nicht besser geworden und manch christliche Einrichtung hatte vielleicht vom „Reich Gottes“ so eine Vorstellung von Arbeitslagerromantik.

Ich träume von einem deutschen Frühling, in dem die Kinder lärmend auf die Straßen, auf die Plätze der Stadt gehen und in die Kirchen. Ein Frühling, in dem die Kleinkinder ihre Windeln auf dem Platz vor dem Reichstag abladen und „Dem deutschen Volke“ ein Geschenk kindlicher Notdurft hinterlassen. Denn es stinkt gewaltig in einem Land, in dem bereits die Kleinkinder „in der besten Absicht“ ihrer Eltern sprachlich, musikalisch und sportlich zu den Leistungsträgern von morgen trainiert werden. Eine Gesellschaft, welche das Kindsein derart vernachlässigt, dass für die Kinder kein Freiraum bleibt, in dem sie zweckfrei zusammenkommen können; eine Gesellschaft, in der es Aufgabe der Neugeborenen ist, den gesellschaftlichen Status ihrer Eltern zu reproduzieren; eine Gesellschaft, in welcher die Angst, zu den gesellschaftlichen Verlierern zu gehören, gewaltigen Leistungsdruck auf Kinder fördert – eine solche Gesellschaft braucht nicht nur den einen Kalendervermerk am 1. Juni, sondern Kinderdienstverweigerer an jedem Tag.

Jörg Gemkow, 1.6.11

Blog-Archiv: Zeitsparkasse, Wirklichkeit, Atomkraft, Freude über Osamas Tod?

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