
Die Kirche vor dem Nadelöhr
Die Kirche habe „den Mut zu Reformen, den Mut umzubauen, hinderliche Mauern und Wände abzureißen und neue Räume zu entwerfen und zu bewohnen“ sagte Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auf der vergangenen Synode.
Der Hintergrund dieser Mahnung leuchtet ein: Kirchensteuermittel gehen zurück, weil die Mitgliederzahl zurückgeht und die geringe Anzahl der Taufen der Schrumpfung nicht entgegenwirken kann. Kirchen werden vielerorts aufgegeben, Pfarrer werden für größere Seelsorgeeinheiten verplichtet, Landeskirchen mit unterschiedlichen Bekenntnissen schließen sich zusammen.
Was die Kirche anzubieten hat, erreicht in Umfragen hohen Zuspruch: Freiraum für Suchende, Lebensbegleitung, Beteiligungsangebote, Vernetzung, Musik. Allerdings wird das nach außen zu wenig deutlich.
Hat die Kirche den Wandlungsprozess doch verschlafen? Was kann Kirche in einer Gesellschaft anbieten, für die Konkurrenzfähigkeit, Wachstum und Individualisierung überlebenswichtig sind? So einfach die Antwort scheint, so deutlich erkennbar die Konkurrenzangebote auf dem Markt für Lebensenergie, Entspannung und Gefühle heute sind – die Kirche tut sich schwer damit, die biblische Botschaft so verständlich zu machen, dass sie überall verstanden wird.
Die alten Glaubenssätze leuchten den aufgeklärten Menschen nicht mehr ein: Dass Jesus für unsere Sünden starb und die Sünden der Menschheit am Kreuz gesühnt hat, gehört zum theologischen Kommissbrot, an dem sich nur wenige Christen die Zähne ausbeißen mögen. Biblische Aussagen wie die vom Reichen, der nicht durch ein Nadelöhr passt, sind dagegen heute ebenso verständlich wie damals, als die Bibel entstand. Auch das Beispiel der „Arche“ des freikirchlichen Pastors Siggelkow erhält den ungeteilten Zuspruch zur praktischen Verkündigung an Kindern und Jugendlichen. Ob dies ausreicht, damit die Kirche selbst durch das Nadelöhr passt, wird sich zeigen.
Die Wandlung in der Kirche ist dennoch und gerade in den inhaltlichen Fragen spürbar.
Die Kirche im Wandel wird sich in den kommenden Jahren unbequeme Fragen stellen lassen müssen, die für die evangelischen Christen genauso gelten wie für die katholischen.
Zuvorderst steht die Frage der Kirchensteuer in der Kritik, die als Folge der Säkularisation heute durch den Staat eingetrieben wird. Theologische Fragen werden gegenwärtig neu buchstabiert. Das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen rückt die Frage des Gottesbildes in die Mitte und die zunehmende Entkirchlichung lässt die alte Frage aktuell werden, ob auch Nicht-Christen Gott erkennen können.
Für die Gemeinden wird es in diesem Wandlungsprozess vor allem darum gehen, Gemeindekonzeptionen zu entwickeln, die sich an den Fragen der vor Ort lebenden Menschen gleich welcher Herkunft und Religion orientieren, statt Antworten auf Fragen zu geben, welche die Menschen nicht gestellt haben. Gemeinden werden sich stärker global vernetzen müssen, um Zeichen zu setzen.
Denn obwohl die Gemeinden über lange Jahre an Ostermärschen, AKW-Protesten, Friedensaktionen in der DDR aktiv mitgewirkt haben, scheinen sie heute den Protest anderen zu überlassen. In dem Reformprozess, in dem sich die Kirche zur Zeit beindet, wird sich zeigen, ob sein Wille nur im Himmel oder auch auf Erden geschieht.
Jörg Gemkow, im November 2011
Der Artikel ist eine leicht gekürzte Fassung des Artikels im aktuellen NikodemusMagazin, S.5
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